Online-Beratung für Jugendliche: in sozialen Netzwerken machbar?

Abseits (?) der Diskussion um soziale Netzwerke existieren zahlreiche Beratungsstellen im Internet für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Fachleute geben in geschützten Räumen Hilfestellungen, Jugendliche beraten Jugendliche, unterschiedliche technische Zugänge je nach Vorlieben: hier geht es zu meinem Artikel bei dialog-internet.de (Initiative von Dr. Kristina Schröder, Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, zur zeitgemäßen Kinder- und Jugendnetzpolitik und den Chancen und Risiken für das Aufwachsen mit dem Internet) und natürlich direkt hier im Blog:

Online-Beratung für Jugendliche: in sozialen Netzwerken machbar?

Die Attraktivität des Angebots des in einem anderen Blog-Artikel erwähnten Vereins Netari.fi zur Jugendarbeit online in Finnland [1] hat mehrere Aspekte, von denen zwei aufgegriffen werden sollen: Beratungsarbeit einerseits, diese aber online, und die Situation der Jugendlichen, soziale Netzwerke für ihre Alltagsdinge zu nutzen und sie dort zu treffen. Während Netari.fi [2] als freier Träger die vorhandenen social media nutzt, um in Kontakt und ins Gespräch zu kommen, sind hierzulande noch andere Einrichtungen online, die Jugendlichen derartige Beratungsangebote machen.

In der ‚klassischen‘ online-Beratungsarbeit lassen sich die Ansätze dahingehend unterscheiden welche Kommunikationswege sie den Jugendlichen anbieten: schon seit Jahren existieren Angebote, die per e-mail, Chat (einzeln, in Gruppen oder nach Themen) oder Foren Kontakt bieten. Wie attraktiv dies für ratsuchende Jugendliche ist? Offensichtlich gibt es weniger Hemmungen und genügend Leidensdruck, so dass die Foren gut besucht sind, die Chats aber leider immer häufiger aufgrund des Personalmangels nur noch zeitweise oder gar nicht mehr stattfinden können (fehlende Förderung freier Träger!).

Der Zulauf ist bspw. im größten Portal, dem Online-Beratungsangebot für Jugendliche der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke) [3] bei den Foren sehr groß, was auch an der nicht zeitgebundenen Kommunikation liegen kann, die für Jugendliche attraktiv ist. Ebenso verhält es sich bei anderen Anbietern, oftmals freien Trägern, die erkannt haben, dass die anonyme Nutzung eines Kommunikationsweges durch Jugendliche der Anfang einer Hilfe und Unterstützung sein kann. Die hohen Nutzungszahlen kommen aber auch durch die Angebote von Chats zustande: Einzelberatungs- sowie Gruppen- oder Themen-Chats bieten nach einer Registrierung die Möglichkeit sein Anliegen sofort oder per Termin Fachleuten (Sozialpädagog/innen, Psycholog/innen, Psychotherapeut/innen) beschreiben zu können.

Die Themen der Jugendlichen sind die in der Altersphase relevanten: sie reichen vom Aufwachsen in Familie und Gesellschaft über Sexualität und wachsendes Körperbewußtsein bis zu rechtlichen Fragen und allen Alltags- und scheinbar kleineren, aber sehr konkreten Fragen. Nebenbei bemerkt: diese Chats werden auch für Eltern angeboten!

Für die Chats sind nicht nur rechtzeitige Registrierungen nötig, sondern auch verbindliche Anmeldungen, da sie nur zu festgelegten Terminen und/oder nur einmalig stattfinden. Dazu kommen die typischen Schwierigkeiten computergestützter Kommunikation: geschrieben können weniger Äußerungen verhandelt werden als mit gesprochener Sprache oder face-to-face.

E-mail Beratungen können auf mehreren Wegen durchgeführt werden: per Mail-Adresse der Beratungsstelle und -Programm des Jugendlichen oder innerhalb eines Accounts der Beratungsstelle, den der/die Jugendliche per Registrierung schaffen muss. Letzterer bietet den größten Datenschutz, da die Kommunikation nur im Bereich der Beratungsstelle verläuft, der technisch abgesichert werden kann.

Doch es gibt nicht nur die erwachsenen Fachleute, die Jugendliche online beraten, sondern durchaus die sog. Peer-Education oder Peer-Beratung, bei der Jugendliche andere Jugendliche beraten. Dies betrifft die o.g. Foren, in denen sich neben den Moderator/innen auch die Jugendlichen zu Wort melden, aber auch gezielte Angebote [4] [5], um die Zugangsschwelle zu senken und die Nähe von Beratenden und Hilfesuchenden produktiv zu nutzen.

Besonders erfolgreich sind Peer-Beratungen online beim Thema Suizid: der Freiburger Träger [U25] [6] und der Arbeitskreis Leben Reutlingen/Tübingen mit seiner Online Jugendberatung Youth-Life-Line [7] arbeiten mit hauptamtlichen Mitarbeiter/innen, die ehrenamtlich arbeitende Jugendliche (mit/ohne Suiziderfahrung) in der Beratungstätigkeit ausbilden und sie in der e-mail Beratung Hilfesuchender unterstützen. Gerade im Bereich seelischer Gesundheit existieren viele, auch regionale Angebote der online-Beratung und oftmals ist der mail-Kontakt das Mittel der Wahl [8] [9] [10] [11] [12].

Wir reagieren nun die seit Jahren arbeitenden Beratungsstellen auf die zunehmende Präsenz der Jugendlichen in sozialen Netzwerken? Sind Chats und e-mails nicht schon überholt? Sollten Beratungsstellen Webseiten oder Profile in Facebook und Co. aufbauen?

Heinz Thiery, Diplom-Pädagoge und seit Anfang 2004 Leiter der virtuellen Beratungsstelle der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) [13] führt einige Bedenken gegen eine professionelle Beratungstätigkeit in sozialen Netzwerken [14] an: die vorherrschende Kommunikation sei von einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Entertainment geprägt, die dazu mit dem Zwang zu Realnamen die Hürden für Hilfesuchende erhöhen ihre Probleme zu äußern. Dazu braucht es eine stabile und verbindliche Kommunikation, die nicht von Usern gestört wird, die von der Thematik nicht betroffen sind oder Hilfesuchende aufgrund ihrer Äußerungen sogar diffamieren.

Die Gruppen in Online-Beratung-Foren und -Chats definieren sich aber gerade über Problematiken und Hilfesuchende können dort die Aktivitäten von Fachleuten einfordern; ganz im Gegensatz zu Communities, deren Mitglieder zufällig und von einer peer-to-peer Struktur geprägt sind, die die verschiedenen Rollen von Beratenden und hilfesuchenden Jugendlichen und eine fachliche Moderation der Beratungssituation nicht zulassen. Somit kann lt. Thiery kein verbindlicher Rahmen für eine Beratung aufgebaut werden und Diskussionen brechen schnell ab, wie erste Versuche des bke in Habbo-Hotel [15] gezeigt haben. Dazu kommt der fehlende Schutz der Jugendlichen, da die vertraulichen Chat-Protokolle und persönliche Daten der eingeloggten User bei kommerziellen Anbietern auf deren Servern liegen ohne dass Anonymität und Datenschutz zugesichert wird.

Für Thiery sind die Konsequenzen ein Ausschluss von Beratungstätigkeiten in sozialen Netzwerken, gleichwohl Profile aufgebaut werden sollten, um die Beratungsangebote dort bekannt zu machen, wo die Jugendlichen sich aufhalten und die Entwicklung von mobilen Anwendungen für das etablierte Angebot der Beratungsstellen.

So wird es wohl auch anderen Beratungsstellen gehen und die Präsenzen der online-Beratung bspw. in Facebook sind dem Kommunikationsverhalten angepasste Profile wie der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus [16], der Online-Schuldnerberatung [17], der Onlineberatung der Jugendmigrationsdienste [18] oder der Online-Beratung zwischen Schule und Beruf der Caritas ‚Mein PlanB‘ [19], um nur einige Beispiele zu nennen. Generell machen die Beratungsstellen wohl für sich geltend, was Vertreter der beranet.de [20] bei der Hamburger Tagung ‚Social Media, Online-Beratung und Datenschutz‘ 2010 formulierten: „Wir legten großen Wert darauf darzustellen, dass Öffentlichkeitsarbeit über Social Media-Anwendungen wie facebook und die Online-Beratung mit beranet natürlich als komplett von einander getrennte Bereiche anzusehen sind. Alle sensiblen Informationen, Beratung oder Klienten betreffend, sollten sich natürlich ausschließlich hinter der sicheren SSL-Verschlüsselung von beranet befinden und keinesfalls an Netzwerke wie facebook oder Twitter weitergegeben werden.“ [21].

[1] http://dialog-internet.de/web/initiativen_youthpart/blog/-/asset_publisher/5Kso/blog/internationale-jugendarbeit-%E2%80%93-online!/48352

[2] http://netari.fi

[3] https://jugend.bke-beratung.de/views/home/index.html

[4] http://www.helferline.info/angebot.html

[5] http://www.jugendberatung24.de

[6] http://www.u25-freiburg.de

[7] http://www.youth-life-line.de

[8] http://www.berliner-krisendienst.de

[9] http://www.neuhland.de

[10] http://www.nethelp4u.de

[11] http://www.frnd.de

[12] http://www.die-arche.de

[13] https://www.bke-beratung.de/~run/

[14] http://www.e-beratungsjournal.net/ausgabe_0211/thiery.pdf

[15] http://www.habbo.de

[16] https://www.facebook.com/pages/Online-Beratung-gegen-Rechtsextremismus/224775977626

[17] https://www.facebook.com/Online.Schuldnerberatung

[18] https://www.facebook.com/onlineberatung.der.jugendmigrationsdienste

[19] https://www.facebook.com/pages/Mein-PlanB-Die-Online-Beratung-zwischen-Schule-und-Beruf/127717343916267

[20] http://beranet.de

[21] http://www.beratungsrauschen.de/?p=1650

Über bdoerr
Medienpädagoge, Dozent, Berater für digitales Leben: e-learning, Medienbildung, web 2.0, Projekte, Fortbildungen, open source, social media, Linux, soziale Netzwerke

One Response to Online-Beratung für Jugendliche: in sozialen Netzwerken machbar?

  1. Pingback: Nokija - Netzwerk Offene Kinder- und Jugendarbeit » Blog Archive » Geht wohl nicht mehr ohne Facebook…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: