netz:regeln 2012 Transparenz und Vertrauen – no limits?

Bei der diesjährigen netzpolitischen Veranstaltung der Grünen in der Heinrich-Böll-Stiftung bringt schon der Titel die soziale Dimension in die Diskussion zurück: Vertrauen? statt technischer Lösungen? Aber dazu später mehr…. Die Themen waren aber damit schon gut angerissen: Transparenz, Datenschutz und Datensicherheit, wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten (die Veranstaltung war eine Kooperation der Heinrich-Böll-Stiftung e.V. und der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien e.V. (BITKOM)).

Der Einführungsvortrag von Prof. Dr. Pörksen von der Universität Tübingen „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ (auch als Buch und mit Besprechung) kreiste um die Frage der gesteigerten medialen Möglichkeiten zur Skandalisierung von Ereignissen, Äußerungen, Vorschlägen etc., die nicht nur die auf die Öffentlichkeit angewiesenen Politiker/innen betrifft, sondern mehr oder weniger Alle. Die Grundlagen dazu habe die Digitalisierung gelegt, über die als technischen Vorgang Informationen auch in großer Fülle und Breite (wie bspw. die wikileaks-Veröffentlichungen zu US-Militärdokumenten zum Iran und Afghanistan oder den vertraulichen US-Depeschen des US-Außenministeriums) sehr leicht zugänglich und verteilbar würden. Insgesamt ein interessanter Vortrag, nur 2 Anmerkungen zum Titel und den dazugehörenden Ausführungen:

Punkt 1: Kontrollverlust

Natürlich ist der Begriff, der als Bezeichnung (oder als Blog …) für den aus dem Ruder laufenden Prozess der Informationsverarbeitung fungiert, treffend, aber m.E. in anderen Dimensionen als vielleicht beabsichtigt.

Der Verlust der Kontrolle setzt voraus, dass ich die Kontrolle vorher hatte, genau das ist aber auch im vor-Internet-Zeitalter nicht der Fall gewesen. Mächtigere Printmedien als die kleinere, alternative Öffentlichkeit konnten immer schon Kampagnen starten, die Menschen aus der Bahn geworfen haben, darüber hatten die Redakteur/innen die Kontrolle, aber weder Politiker/innen noch die oben angesprochenen Menschen wie Du und ich. Nur die Möglichkeiten Gegendarstellungen zu erzwingen waren durchaus unterschiedlich verteilt. Daten, Bilder, Filme, Texte im Internet zu veröffentlichen und weiter zu verteilen ist sehr viel einfacher als früher, das ist schon richtig, aber aufgrund der Quantität zu sagen, dass die Kontrolle verloren sei, weist für mich auf einen ersten typischen Fehler in netzpolitischen oder -philosophischen Diskussionen hin: imho haben sich die Relationen verändert: mehr User können mehr verteilen, aber die Gesamtheit des Phänomens (Qualität) ist mit dem Aufkommen des Internet nicht plötzlich vollkommen anders gestaltet, sondern (nur) die Relationen haben sich verschoben! Die Diskussion in Totalitäten bringt hier nichts, sondern m.E. sind die Relationen zu betrachten, innerhalb derer gehandelt werden kann oder nicht. Pluspunkt: mensch kann online antworten und ist nicht mehr (nur) auf ausreichenden Rechtsbeistand angewiesen, wenn er/sie seine eigene Meinung dazu veröffentlichen will!

Aufgrund der schieren Möglichkeit, dass Andere Artikel, Meinungen, Äußerungen aufgreifen können, muss ich mir bewußt sein, dass inzwischen eine sehr große Öffentlichkeit davon erfahren könnte, aber noch lange nicht muss, weil eben aufgrund der Masse auch eine Relativierung der Relevanz entsteht oder zukünftig entstehen wird: manches geht einfach unter und da mehr öffentlich wird, werden andere Maßstäbe angelegt, Beispiel: wer wird sich wirklich in 2, 3, 5 Jahren noch für die berühmten Party-Bilder interessieren, wenn es ansonsten (noch) viel Aufregenderes gibt?

Punkt 2: menschlicher Faktor – Sozialpsychologie

Die Digitalisierung ist „nur“ der technische Boden für menschliche Anwandlungen, die es immer schon gab, aber jetzt von einer weniger aufwendigen Schwelle aus aktiviert werden können: Neugier, Skandale werden geliebt, menschliche Niedertracht … Das ist vielleicht eine pessimistische Sicht, aber wir gehen als Menschen immer mit den (technischen) Möglichkeiten um, die wir gerade haben, die subjektiven Interessen bleiben aber dieselben.

Damit bin ich beim zweiten typischen Fehler in netzpolitischen oder -philosophischen Diskussionen: es klingt vielleicht altbacken, aber es werden die Menschen mit ihren Interessen vergessen und Probleme auf die technischen Möglichkeiten geschoben – die müssen immer noch von Menschen benutzt werden und damit ist und bleibt das Risikohafte, Gefährliche etc. beim Umgang mit dem Internet immer noch verhandel- und diskutierbar!

Es ist somit ein kulturelles Problem, eins der Werte, die gelten oder eben nicht, d.h. damit sind Anschlussstellen für Kultur, Bildung(sprogramme) und Diskussionen vorhanden. Vielleicht ist es ja auch an der Zeit, dass Wertediskussionen nicht nur von denen geführt werden, die ihre durch die digitalen Medien gefährdet sehen und sie damit verdrängen wollen. Übrigens gibt es die Diskussion um Werte schon länger: Ethikunterricht in Schulen, Verhaltenstipps in sozialen Netzwerken, Unterschiede der computer-gestützten Kommunikation gegenüber face-to-face Kontakt etc.. Somit also der Hinweis auf Bildungsprozesse: mit Medien und ihren Nutzungsmöglichkeiten muss von Anfang an gearbeitet werden, es ist ein Muß für schulische und außerschulische Bildung!

Erwähnenswert noch ein Panel der Tagung: „Personalisierungen – Das Geheimnis der Algorithmen“ mit Caspar Clemens Mierau (Spackeria, leitmedium.de, @leitmedium) und Dr. Max Senges (Google Germany). Angedacht eventuell als Veranstaltung für technisch Interessierte gab es nicht wirklich eine Kontroverse zwischen beiden Podiumsteilnehmern, was angesichts der jeweiligen Provenienz nicht überrascht. Obwohl ich aus medienpädagogischer Sicht zu Fragen der Datenveröffentlichung immer & überall anderer Meinung bin, fand ich doch zwei Themen interessant: Hr. Dr. Senges erinnerte daran, dass das Internet eine Beta-Kultur ist: es sind erst 80% der Anwendung fertig, wenn sie online zur Verfügung gestellt wird, wenn Du als user mitreden willst, heißt das: probiere sie aus und gib uns ein Feedback! So ist es im Grunde eine sehr lebendige Kultur mit einer nicht zu unterschätzenden Dynamik, die „Fakten“ im Internet schafft, und die auch noch Möglichkeiten zur Partizipation bietet! Notwendig ist dazu aber Innovationsfreude und Lust am Unfertigen und am Experimentieren, die in Deutschland so nicht existiert.

Das zweite Thema kam von Caspar Clemens Mierau: er will personalisierte Suchmaschinen, d.h. er hat als Vertreter einer Post-Privacy-Haltung nichts gegen die Veröffentlichung eigener Daten und nutzt die entsprechenden Dienste gerne, aber er möchte mehr darüber erfahren nach welchen Kriterien die Personalisierungen, die es schon gibt, funktionieren; er will wissen, nach welchen Kontexten (Uhrzeit, geografische Lage, vorherige Angaben etc.) Empfehlungen gegeben oder Suchergebnisse erstellt werden und wie man diese selbst verändern kann, wenn bspw. die Treffer der Suchmaschine nicht das Gewünschte liefern oder bestimmte Faktoren explizit ausgeschlossen werden sollen. Dies würde eine Transparenz der Datennutzung der Anbieter solcher Dienste bedeuten, die technisch nicht schwierig umzusetzen ist, aber nicht einsehbare Daten-Silos vermeidet und Transparenz auch auf der Seite der Unternehmen schafft. Eine interessante Perspektive: 2-Seiten-Transparenz als faktisch-pragmatische Grundlage nicht nur für die Diskussionen um Datenschutz und Datensicherheit, sondern auch für die Medienpädagogik, um sich nicht von der „normativen Kraft des Faktischen“ einlullen zu lassen.

btw: Der oben angesprochene Spannungsbogen von Vertrauen und Technik wurde in einem anderen Panel von Christian Langenfeld (IT Dienstleistungszentrum Berlin AöR) und fukami (Digitale Gesellschaft e.V.) zum Thema „Vertrauen in Technik – Cloud Computing etc.“ diskutiert. Bemerkenswert: die Ausführungen zu Sicherheitstechniken endeten bei beiden Diskutanten mit dem Hinweis, dass es absolute Sicherheit nicht gibt und aufgrund der verwendeten Techniken auch nicht geben kann, so dass am Ende immer die Abschätzung bleibt: vertraue ich dem Cloud-Anbieter, wie weit vertraue ich oder eben gar nicht? Soviel nur wiederum zur Diskussion um Totalitäten oder absolute Wahrheiten…

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Über bdoerr
Medienpädagoge, Dozent, Berater für digitales Leben: e-learning, Medienbildung, web 2.0, Projekte, Fortbildungen, open source, social media, Linux, soziale Netzwerke

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